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by Michael Goldschmidt 2.02

Kerstin Mattes und Benjamin Franz

Peter Ecker sägt mit Manneskraft das Loch ins Eis - mit dabei Ulrike Goldschmidt/UnterWasserWelt

Mit dabei: Milan Czapay von Sealux Unterwassertechnik

Dr. Urs Braumandl - HBO Regensburg

Benjamin Franz mit EKG auf dem Rücken

Das EKG im wasserdichten Gehäuse

Aderlass für die Wissenschaft

Cool: Kerstin Mattes

Am Schlitten: Kerstin Mattes und Benjamin Franz

Blutentnahme

Kerstin Mattes

Dokumentationen der Herzfunktion (EKG) und Blutentnahmen sind im Alltag einer ärztlichen Praxis Routineaufgaben. Im Dienste der Wissenschaft wurde am 2. Februar 2002 eine mobile Praxis am zugefrorenen Plansee in Österreich eingerichtet um unter realen Bedingungen die möglichen Veränderungen der Blutgase bei Apnoe – Tauchgängen in der eiskalten Tiefe zu erforschen und um die Adaption der Herzfunktion aufzuzeichnen. Kein leichtes Brot für den Tauchmediziner Dr. Urs Braumandl vom HBO – Zentrum Regensburg, der die Messungen bei den gemeinsamen Tauchgängen von Kerstin Mattes und Benjamin Franz in der Tiefe selbst vornahm. Damit es aber erst einmal so weit kommen konnte, galt es noch in letzter Sekunde ungeahnte Hürden aus dem Weg zu räumen.

Kerstin Mattes und Benjamin Franz hatten vorbereitend einige Wochen zuvor einige gemeinsame Schlittenabstiege im eiskalten Freiwasser unternommen. Tauchgänge mit Schlitten waren bis dahin bei Kerstin Mattes noch nicht auf dem Programm gestanden, deshalb musste das erst einmal gemeinsam geübt werden. Manfred Führmann, der Schlittenkonstrukteur von Benjamin Franz, gestaltete das Gerät so um, dass sich zwei Taucher kopfüber in die Tiefe ziehen lassen können und mit dem Schlitten vom Hebesack wieder nach oben gebracht werden.

Geplant war, dass Kerstin und Benjamin 4 Mal gemeinsam auf 30 Meter abtauchen. Jeweils vor dem Abstieg sollte an der Oberfläche von Dr. Kemmer (Leiter der Druckkammer Unfallklinik Murnau) eine Blutprobe entnommen werden, auf 30 Meter Tiefe wartete dann Dr. Braumandl (VIT –TL, HBO-Zentrum Regensburg) auf die Taucher um dort Blut abzunehmen. Da Blutentnahmen unter Druck von 4 bar nur durch Erzeugung eines dem entsprechenden Ausgleichdruck in der Kanüle möglich sind, musste eine spezielle Vorrichtung erdacht und konstruiert werden, die dies zulässt.

Das geringste Problem erschien die Tauchgenehmigungen im zugefrorenen Plansee zu bekommen, ein Irrtum, der erst in letzter Sekunde korrigiert werden konnte.

Mit allen Geräten und Genehmigungen im Gepäck reist die vielköpfige Mannschaft bei traumhaften Wetterbedingungen am 1. Februar 2002 an. Die örtliche Tauchbasis hatte für die gemeldeten Taucher die Formalitäten erledigt. Seit einigen spektakulären Todesfällen beim Eistauchen, die ein paar Jahre zurückliegen, ist das Eistauchen im Plansee genehmigungspflichtig und stark reglementiert. Mit 25 cm Stärke ist die Eisdecke ausreichend dick, um den Event für Teilnehmer und Zuschauer gefahrlos abzuhalten. Strahlend blauer Himmel und hohe Tagestemperaturen (über 15°C) wie seit 100 Jahren nicht mehr Anfang Februar gemessen, bilden den idealen Rahmen. Solange die Eisdecke nicht zu weich wird.... Aber das eigentliche Problem stellt sich in Person des Bezirkshauptmanns (Landrats) der Region aus heiterem Himmel in den Weg. Aus den Medien hatte er vom Event erfahren und fühlte sich möglicherweise übergangen, da seiner Ansicht nach dieser Event über seine Behörde genehmigungspflichtig sei. Die vorliegenden Tauchgenehmigungen reichen ihm dafür nicht aus. Endlose Telefonate mit dem Verweis auf unterschiedlichste Ansprechpartner und Kommunalverwaltungen folgen, doch niemand erklärt sich zur Entscheidungsfindung zuständig. Bis endlich in letzter Minute ein Konsens hergestellt werden kann - natürlich mit Auflagen. Die maximale Tauchtiefe wird auf 40 Meter limitiert, somit ist der von Benjamin geplante Abstieg auf 60 Meter geplatzt.

Auch der 2. Februar erstahlt in tiefem Himmelsblau, begleitet von frühlingshaften Temperaturen. Über dem rechteckigen Eisloch steht eine Edelstahl – Pyramide, an der der Schlitten eingehängt ist. Vier Kamerateams drängen sich um den Veranstaltungsort, Fotografen, Zuschauer, Sicherungstaucher, es ist was los auf dem Eis. Selbst Milan Czapay (Sealux) ist vor Ort. Von seiner Firma stammen die Gehäuse der Videokameras, die am Schlitten montiert sind bzw. von Tauchern geführt werden. Natürlich lässt es sich Benjamin auch hier nicht nehmen überall selbst Hand anzulegen, gilt es die Stabilisierungslöcher für die Pyramide ins Eis zu hacken oder den Schlitten zu montieren. Wer schon bei Rekordversuchen von Benjamin Franz dabei war, merkt rasch, dass der aktuelle Event wesentlich lockerer abläuft, natürlich nicht ohne die hohe Sicherheit für die Apnoe- und Gerätetaucher, gerade auch unter Eis, sicher zu stellen.

Als Kerstin Mattes die Eisbühne betritt, richten sich alle Kameras auf die bemerkenswerte Frau mit den langen, schwarz gelockten Haaren. Mit 46 Metern Tauchtiefe in der Disziplin konstantes Gewicht und 110 Metern Strecke im Schwimmbad zählt sie zu den besten deutschen Apnoe – Damen. Sie ist etwas aufgeregt, die Schlittenabstiege sind immer noch neu für sie, das kalte Wasser, die Eisdecke kümmert sie aber nicht.

Fast eine Stunde dauert es, bis die Apnoetaucher die Zugänge für die Blutentnahme gelegt bekommen haben, die Schläuche durch den Halbtrockentauchanzug und den Handschuh geführt sind. Zusätzlich ist Benjamin mit einem wasserdicht verpackten EKG verkabelt, das er auf dem Rücken trägt.

Die Taucher mit den Buddy Inspiration Kreislaufgeräten sind auf Position, die Kameras laufen, Benjamin löst den Schlitten aus und die beiden verschwinden nach einem ersten kurzen Test im eiskalten Wasser unter den Füssen der Zuschauer. Kurze Zeit später schießt der Hebesack aus dem Wasser, Benjamin und Kerstin sind zurück. Nicht ganz ohne Probleme, Kerstin hat einen Krampf im Bein, vielleicht sitzt die Apnoeflosse zu fest am Fuß. Auch gelang die Blutabnahme bei ihr nicht. Sie lässt die nächsten Tauchgänge aus und wartet ab. Beim letzten Abstieg ist Kerstin wieder mit dabei. Was man oben nicht registriert wird nach dem Auftauchen der Gerätetaucher offenbar. Ein Fotograf hatte einen Wassereinbruch im Trockentauchanzug, aber er hält durch, bis er die Finger nicht mehr spürt. Der Kameramann des Teams muss sich gegen einen Fotografen erwehren, der ihn bei der Schlüsselszene, der Blutentnahme, abdrängt. Ganz und gar nicht unverfroren ist der Arzt Dr. Braumandl, der nach Abschluss seiner Arbeit und 8 Minuten Deko mehr als nur wärmende Worte braucht. Als eine der letzten steigt Kerstin Mattes aus dem Anzug, ihr und Benjamin Franz hat es sichtlich Spaß gemacht, so dass das „freie Tauchen“ unter Eis, das auch als Event für die Fotografen und Filmer dienen soll, am darauf folgenden Tag stattfinden kann.


Ergebnisse? Interview mit Dr. Urs Braumandl

UWW:
Wie verlief die Aktion aus Ihrer Sicht?

Dr. Braumandl: Wir haben hier Neuland betreten, noch nie sind Messungen von Apnoesportlern unter so extremen Bedingungen durchgeführt worden. Diese Feldversuche erforderten eine Reihe neuer Lösungen, so zum Beispiel die Möglichkeit in der Tiefe Blut entnehmen zu können, was ohne spezielle technische Voraussetzungen nicht möglich wäre. Ich konnte bei Benjamin eine Probe entnehmen, bei Kerstin leider keine. Ihr ist das Blut buchstäblich in der dünnen Kanüle gefroren.

UWW: Welche Ergebnisse sind zu erwarten?

Dr. Braumandl: Die Ergebnisse der Blutgastests liegen bereits in wenigen Stunden vor, dafür ist das mobile Labor vor Ort. Aber es wird noch einige Wochen dauern, bis die Werte in Relation zur Tiefe und des gesamten Ablaufs eines Apnoetauchgangs unter den dokumentierten Bedingungen vorliegen.

UWW: Wie sieht es mit dem EKG von Benjamin Franz aus. Kann man hier schon etwas sagen?

Dr. Braumandl: Auch dafür ist es noch zu früh. Die Kurven müssen sehr genau betrachtet und mit den körperlichen Aktionen des Tauchers zum Zeitpunkt der Datenaufzeichnung verglichen werden. Es gibt im Umfeld des Messvorgangs natürlich einige äußere Störfelder, die sich durch die gesamte Aufzeichnung ziehen und erst einmal herausgefiltert werden müssen.  

UWW: Kann man schon jetzt etwas dazu sagen, welche Erkenntnisse für die Wissenschaft gewonnen werden können?

Dr. Braumandl: Wir müssen erst einmal abwarten, bis die Ergebnisse vorliegen und interpretiert werden können. Zum anderen sind durch den Ablauf des Events wichtige Erkenntnisse gewonnen worden, die bei einer möglichen Wiederholung einfließen werden, so die Frage, wie „das Einfrieren“ des Blutes in der Abnahmekanüle verhindert werden kann.

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