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8 Sekunden Ewigkeit

by Michael Goldschmidt 1.99

Das Fax mit der Presseinfo war noch gar nicht ganz aus dem Laserdrucker entnom- men, da stand fest, der bemer- kenswerte Weltrekordver- such von Benjamin Franz aus Cham ist eine Titelstory in UnterWasserWelt wert. Man kennt sich von verschiedenen Begegnungen, - der Messe BOOT, der WM auf Sardinien und der Fachmesse Eurodiv- ing. Die nervlichen Wogen der WM sind geglättet, Benjamin Franz steuert neben dem Mannschaftsengagement auch einen eigenen Kurs. Nicht gegen die Mannschaftswertung der Apnoe-Nationalmannschaft sondern hin zu Zielen, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Meilensteine markieren sollen. Die Bescheidenheit von Benjamin Franz macht es dem Chronisten schwer eine fette Schlagzeile zu formulieren. Köpfchen unter Wasser, ............. Höh, das wäre etwas für die "Blutzeitung", UnterWasserWelt schließt sich solcher Aufmacher nicht an. So bleiben am Schluß nur noch 8 Sekunden bis zum "Point of no Return" - allein gegen die Nerven und die Uhr.
 
Waldmünchen in der Oberpfalz ist das Ziel der Reporter und TV - Teams. Hier soll im Erlebnisbad AQUA FIT ein Weltrekord gebrochen - unterboten oder aufgestellt werden, den es so noch gar nicht wirklich gibt, - zumindest in den Seiten der Tauchsportmedien. Apnea per Hour, das ist mehr als nur den Atem anzuhalten, das ist mentale Höchst- leistung, Selbstkontrolle auf absolutem Niveau. Es zählt für den Rekord die addierte Einatemzeit über Wasser zwischen den Phasen, in denen der Sportler mit ins Wasser eingetauchtem Gesicht reglos verharrt, nur die im Blickfeld abgelegte Uhr vor Augen. Einsamkeit im Sekundentakt.Die feuchtwarme Luft im Erlebnisbad schlägt sich sofort auf Linsen und Laufwerke der Fernsehkameras. Vier Kamerastative sind vorbereitet, eine Videokamera ist unter Wasser eingerichtet und überträgt das Bild auf einen Monitor außerhalb der kleinen Halle, in der der neue Weltrekord aufge- stellt werden soll. Zuschauer und Pressevertreter außerhalb der Halle können so durch die großen Fenster und das Monitorbild hautnah am Geschehen teilhaben, denn direkt am Beckenrand sind nur wenige Kameraleute und Fotografen zugelassen, es soll alles vermieden werden, die Konzentration von Benjamin Franz zu gefährden.

Abseits ein erster Blick vor dem Ereignis auf Benjamin. Massage. Lockerung für Körper und Geist. "Wie fühlst Du Dich heute", meine Frage. "Aufgeregt, nicht sehr ruhig," die Antwort. Dabei dreht sich seine rechte Hand die Worte deutlich unterstreichend. Abgang. Nach wenigen Minuten erscheint er wieder, im Neopren, denn über eine Stunde im fast 30° Celsius warmen Wasser kühlt aus. Zuviel Energie, also Sauerstoff, würde zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur ver- braucht. Erster Kontakt mit dem Wasser. Benjamin liegt reglos auf dem Rücken. Entspannung. Das ist nicht einfach, obwohl alles in gedämpfter Atmosphäre abläuft, es fällt kein lautes Wort, doch die Kameras, die Helfer und Schiedsrichter, alle konzentrieren sich auf nur eine Person, die im Mittelpunkt steht und sich jetzt selbst aus dem Mittelpunkt zurückziehen will, nein muß. Lampenfieber gefährdet den Erfolg.

Atemübungen am Beckenrand. Besinnung nach innen. Zehn Uhr ist als Startzeit markiert. Die Minuten scheinen zu rennen, während sie nach dem Start fast stillstehen werden. Benjamin Franz ist in Position. Auch die Schiedsrichter, die Kameraleute, Fotografen, der Taucherarzt, die Physiotherapeutin und der Ablaufassistent neben Benjamin, der ihm während der Tauchphasen sachte Zeichen auf die Schulter tippt. Für eine Stunde der einzige Draht der Außenwelt zu Benjamin. Die Finger schweben über den Startdrückern der Stoppuhren. Hier in der Halle sind wohl die meisten Zeitmesser konzentriert, die es in der abgelegenen Gegend überhaupt geben mag. VDST-Schiedsrichter Paul Lachenmeir hat zusätzlich sein Palmtop aktiviert, Statistik wird gleich mitgeschrieben.
 
Zehn Uhr. Zehn Uhr und eine Minute. Zehn Uhr und zwei Minuten. Das Gesicht ist im Wasser, die Uhren laufen und die Kameras. Reglos hängt Benjamin im Wasser. Spiegelglatt ist die Fläche im Becken, die Zeit zieht sich ab jetzt für alle Beteiligten in endlose Länge. Kreisförmig bilden sich Wellen um Benjamins Kopf. Extrem kontrolliert beginnt er auszuatmen. Dann brodelt das Wasser stärker, für einen kurzen Moment erscheint der Kopf, er saugt die Luft ein und liegt wieder reglos im Wasser. Der erste Gang von Birgit Franz nach draußen zur Zeitnahmetafel. Es sind dort 39 Tauchgänge zur Zeitnahme vorbereitet, der erste dauerte 4:07 Minu- ten, deutlich länger, als er eigentlich immer angekündigt hatte. Doch er braucht die Zeit um den Herzschlag nach unten zu fahren. Er ist doch nervöser, als es für die Situation gut ist.

Immer wieder öffnet sich zwischen den endlosen Sekunden die Türe, weitere Zeiten werden notiert. Die große Stoppuhr neben dem Monitor zählt die Stunde. Nummer zwei dauert 1:39 Minuten, Nummer 3 dann 1:30 Minuten, s

o präzis verlaufen auch die nächsten Tauchphasen. Das Interesse des Publikums läßt nach. Die konzentrierte Stille weicht ungedämpften Gesprächen. Kinder artikulieren sich laut, es hallt bis ins Becken, lenkt ab. Birgit Franz bemüht sich sanft um Ruhe, doch das ist nicht so einfach. Kaum verschwindet sie wieder in der Wettbewerbshalle, nimmt die Lautstärke wieder zu. Das ist der einzige Mangel der Organisation, hier hätte man vorsorgen müssen.

Eine Katastrophe?

Tauchgang Nummer 20 ist ein Fiasko. Nur 32 Sekunden Tauchzeit. Was ist passiert? Die Nerven, die Konzentration geschwächt durch die Zuschauer? 1:22 Minuten zählt die nächste Phase, 1:23 Minuten und 1:20 Minuten die folgenden. Das war haarscharf. Benjamin hatte sich beim Einatmen verschluckt. Für einen Moment ist er innerlich bereit abzubrechen. Aber nur für einen Moment. Der Wille siegt, die Konzentration auf den Rekordversuch gibt wieder Kraft für die zweite Hälfte, die zweite halbe Stunde ist angebrochen. Der Vorsprung durch den langen ersten Tauchgang ist aufgezehrt, jetzt darf nichts mehr schiefgehen. Birgit schreibt Tauchzeit Nummer 26 auf, 1:14 Minuten. Die Phasen werden kürzer. Kann es noch reichen? Vor den Augen auf der blau gekachelten Treppenstufe liegt die Sector - Uhr, nur wenige Zenti- meter tief, nicht dreißig, vierzig Meter, wie beim normalen Einsatz eines solchen Zeitmessers. Der Sekundenzeiger springt träge, sachte tippt es auf der linken Schulter. Langsam lösen sich erste Luftblasen, ringförmige Wellen gleiten aus dem Zentrum des Rekordversuchs an den Beckenrand. Dann wieder brodelndes Sprudeln, im Sekundenbruchteil einatmen und wieder alle Funktionen zurückfahren. Die Zeit scheint stillzustehen. Birgit Franz notiert Tauchgang 36 mit 1:08 Sekunden. Es sind 39 Tauchgänge auf der Zeitnahmetafel vorbereitet. Aber es fehlen noch gut 8 Mi- nuten bis zur vollen Stunde. Es wird klar, daß es anders läuft, als geplant, als im Training. Die Nerven? Das Problem mit Tauchgang 20? Wird es reichen oder ist der Versuch bereits gescheitert? Tauchgang 40 dauert 1:07 Minuten und die Schiedsrichter geben kein Zeichen, das auf ein vorzeitiges Ende hinweisen würde.
 
Tauchgang 43, nur 42 Sekunden. Doch das ist gewollt. Die Stunde ist um, nach einer Stunde die erste laute Stimme. Schiedsrichter Paul Lachenmeir gibt das Ende bekannt und nach einer kurzen Abstimmung mit Sebastien Nagel und Markus Rudolph, den Schiedsrichtern der AIDA ist klar, Benjamin Franz hat den Weltrekord geschafft. Die Begeisterung kennt keine Grenzen, ein wilder Sprung ins Becken und Stative und Beinkleider der Reporter werden gebadet. Interviews, die Kameras drängen sich um den glücklichen Welt- meister. Tief sind die Spuren der Maske auf dem Gesicht abgezeich- net. Wie schafft er das, welche Vorbereitung, welches Training.... Fragen, die immer wieder gestellt werden. Die Medienvertreter vor Ort sind kaum über Apnoe informiert, lernen dazu, sammeln Fakten und staunen. Die Aufregung, anfänglich zu hohe Herzfrequenz, beim Einatmen verschluckt, Gedanken über den Abbruch, jetzt wird es in die Kameras und Mikrofone gesagt. Und das Ergebnis? Den bis dahin gültigen Rekord von 59:25 Minuten hielt der Belgier Jean Fransois, der neue Rekord lautet auf 59 Minuten und 33 Sekunden. Beachtliche 8 Sekunden besser, die zur Ewigkeit wurden. am 11. Januar 1999.

Wozu wäre Benjamin Franz fähig, ließe ihn der ganze Wettbewerbsrummel völlig kalt?
 
Das Team

Das Team um Benjamin Franz besteht aus einem Taucherarzt, einem Sportmediziner und einer Physiotherapeutin. Die Sicherungstaucher bei den Tieftauchgängen rekrutieren sich aus dem 1. Niederbayerischen Tauchclub Plattling. Immer dabei der Bruder Alexander, der die Trainings- einheiten im Bad oder Freiwasser von der Oberfläche aus überwacht.

Das Training

Etwa drei Monate dauerten die Vorbereitungen auf den Weltrekordversuch. Dazu gehören Ausdauertraining auf dem Fahrrad, Dauerlauf, mentales und Apnoe-Training. Nach den ersten gelungenen Tauchgängen über eine Stunde, wurde zwei Monate vor der Veramnstaltung der Rekordversuch offiziell beim internationalen Freitauchverband AIDA angekündigt.

Die Zukunft

Verstärkt wird nun das Tieftauchen trainiert mit dem Ziel die bestehenden Weltrekorde in den Versionen konstantes Gewicht, variabel und “No Limits” im Süßwasser zu verbessern.

Fakten

Benjamin Franz
Geburtstag: 3.1.1971
Wohnort: Cham
Beruf: Holzbildhauer
Größe: 1,88 Meter
Gewicht: 80 kg
Schnorcheln: Seit 1992
Gerätetauchen: Seit 1993
Apnoetauchen: Seit 1995
Frühjahr 1996: Ausscheidung für die Deutsche Nationalmannschaft
Herbst 1996: Weltmeisterschaft in Nizza, dritter Platz mit der Mannschaft, bester deutscher Teilnehmer in der Gesamtwertung, Vizemeister im stationären Freitauchen mit 5:22 Minuten;
Frühjahr 1997: Deutscher Rekord im Tieftauchen mit konstantem Gewicht vor der Insel Elba mit 45 Metern;
August 1997: Internationales Freitauchtreffen am Attersee, deutscher Rekord im Süßwasser mit 40 Metern;
Herbst 1997: Deutscher Meister mit 40 Metern und 5:15 Minuten, qualifiziert für die Weltmeisterschaft 1998 in Sardinien;
Frühjahr 1998: Neuer deutscher Rekord im Tieftauchen mit konstantem Gewicht vor der Insel Elba mit 50 Metern;
Neuer deutscher Rekord im Zeittauchen bei der Weltmeisterschaft in Sardinien mit 5:51 Minuten;
11. Januar 1999: Weltmeister in Apnea per Hour, 59:33 Minuten;