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Keine Grenzen für Benjamin Franz? NO LIMIT Weltrekord im Süßwasser auf 120 Meter gesetzt.

Text & Fotos Michael Goldschmidt, UW-Aufnahmen C: Manfred Führmann (7.2001)

Dr. Norbert Zwicker

Dr. Urs Braumandl

Alles war gut vorbereitet und der Rekordversuch NO LIMIT am 1. Juli 2001 im Attersee eher ein Nebenprodukt des vorangegangenen langen Trainings. Doch nach dem nicht anerkannten Versuch in der Disziplin VARIABEL vom Vortag, lastete eine schwere mentale Bürde auf Benjamin Franz. Auch hatten sich die Wetterbedingungen völlig geändert: Nach strahlendem Sonnenschein, jetzt tief hängende und schwer beladene schwarze Regenwolken, dazu auffrischender Wind aus wechselnden Richtungen. Prasselnder Regen, der die Foto- und Videokameras der Presseteams zu fluten drohte, machte allen Beteiligten das Leben schwer und die Versuch stand nahe am Abbruch. Erstmals nach dem neuen Reglement war zusätzlich ein Arzt zur Dopingkontrolle vor Ort. Das kann man als Hinweis darauf deuten, dass der Apnoesport vielleicht einmal olympische Disziplin wird.

Unfreundlich wirkte der See, schroff und abweisend die nahe ans Ufer rückenden Felsen. Fast auf den Meter genau sammelt sich das Team gegen 11:30 Uhr am selben Tauchplatz wie am Vortag, so zeigt es das GPS. Doch nach kurzer Beratung entschließt man sich den Austragungsort weiter nach Westen zu verlegen, heute wird eine größere Tiefe benötigt, mindestens 130 Meter. Routiniert läuft an der neu gefundenen Position das Uhrwerk der Vorbereitungen ab. Zunächst wird das Seil mit 50 kg Grundgewicht am Schlittenkran ausgebracht, denn dieses wirkt zugleich als Treibanker. Links und rechts haben die Schlauchboote der Sicherungstaucher am Hauptboot festgemacht, in Rufweite daneben steht das Boot der DLRG Blaibach, die jeden Rekordversuch von Benjamin Franz am Attersee begleitet. Es ist stiller als sonst, das Team spürt noch die Enttäuschung vom Vortag und es scheint auch nicht sicher, ob das Wetter nicht einen Strich durch die Rechnung macht. Der Taucherarzt , Dr. Urs Braumandl, sitzt lange neben Benjamin, der mit ernster Mine das Geschehen beobachtet. Vom Boot der Wasserwacht aus lässt Dr. Norbert Zwicker, der die Dopingkontrolle durchführt, den Athleten nicht aus den Augen.

Der Schlitten hängt, die Kamera ist montiert, doch heute muss auf den neuen Tiefenmesser mit großen Leuchtdioden verzichtet werden, der in der Videoaufzeichnung sichtbar ist. Die 105 Meter des Vortags waren zu viel für das Druckgehäuse der Anzeige. Stattdessen hat Manfred Führmann ein Instrument mit LCD – Anzeige montiert, das ohne Zusatzbeleuchtung nur schwer ablesbar ist. Da stoppen die Vorbereitungen, der Wind hat die Boote versetzt und in einen flacheren Bereich getrieben, zudem nähert man sich bedrohlich den Bojen eines Wasserski – Slalomkurs. Das Seil muss eingeholt werden, ein schweißtreibender Kraftakt, der einige Zeit in Anspruch nimmt. Alles scheint sich gegen den Rekordversuch verschworen zu haben, doch auf die Natur hat man keinen Einfluss. Und dann öffnet der Himmel auch noch alle Schleusen und ein monsunartiger Regen versenkt die meist auf Sonnenschein eingestellten Presseteams. Bevor Kurzschlüsse weitere Aufnahmen unmöglich machen, zieht man sich ans Ufer zurück, die Vorbereitung des Versuchs würde ohnehin noch 30 Minuten dauern.

Zurück vor Ort hat sich das Wetter leicht gebessert, der Wind hat gedreht, es besteht vorerst keine Gefahr, wieder in die falsche Richtung getrieben zu werden. Fast unbemerkt ist Benjamin Franz ins Wasser geglitten, die Vorlaufzeit von diesmal 8 Minuten hat begonnen. Peter Ecker ist der Zeitnehmer und somit verantwortlich für die Einhaltung des Ablaufplan. Da das Reglement bei NO LIMIT Tauchgängen keinen Sicherungstaucher auf größter Tiefe vorschreibt, ist Manfred Führmann heute mit seinem Buddy Inspiration Kreislaufgerät „nur“ auf 60 Metern mit der Kamera auf Warteposition. Dieter Baumann und Christian Redl, die AIDA – Schiedsrichter haben ebenfalls ihre Positionen eingenommen. Langsam vergehen die Minuten. Benjamin Franz macht im Schlitten stehend seine bekannten Atemübungen und gibt dann das Zeichen, den Schlitten auszulösen. Das ist neu für uns Pressebeobachter. Ist er vom so gelobten Prinzip des Auslösemechanismus, den er selbst bedient, abgewichen? Nein, erfahren wir später, die Mechanik ging beim Tauchgang am Tag zuvor im See verloren, deshalb musste er nach Handzeichen auf den Weg in die Tiefe gebracht werden.

Die Stille auf dem See ist weiterhin bedrückend. In erster Linie hatte Benjamin Franz den VARIABEL - Rekord im Visier, NO LIMIT lief eher nebenbei mit. Jetzt ist alles auf diese eine Erfolgskarte gesetzt, es darf nichts schief gehen, die Motivation muss wieder neuen Boden bekommen, ein Erfolgserlebnis ist dringend nötig, die lange Vorbereitungszeit zu einem krönenden Abschluss zu bringen. Zum ersten Mal ist Birgit Franz nicht nahe am Geschehen. Sie war mit Sohn Noah im Presseboot, aber nicht auf kalten Platzregen vorbereitet. Sie blieb sie beim kurzen Landstopp des Pressebootes vorsichtshalber im Trockenen.

Zäh wie Öltropfen breiten sich die Sekunden über dem See aus. Peter Ecker vergisst sogar die verstrichene Zeit laut anzusagen. Das ist Spannung. Als große weiße Blase zeichnet sich im Wasser der Hebesack ab, der Benjamin Franz nach oben gezogen hat. Mit lautem Rauschen durchstößt er allein die Wasseroberfläche. In einer Tiefe von gut 20 Metern lässt der Athlet den Hebesack los und taucht aus eigener Kraft die restliche Strecke auf, um einer Bewusstlosigkeit auf Grund der raschen Druckentlastung entgegenzuwirken. Alexander Franz ist bereits ohne Gerät abgetaucht, er begleitet seinen Bruder stets auf dem letzten Abschnitt des Tauchgangs.

Mit einem lauten Triumphschrei ist Benjamin Franz um 13:03 Uhr zurück, nach 2:59 Minuten. Er legt den Kopf zurück und feixt in Richtung der Schiedsrichter, spielt auf die Entscheidung des Vortags an. Seine körperliche Verfassung lässt diesmal aber keine Zweifel bestehen, der Rekord wird vor Ort von der Jury von AIDA Österreich anerkannt. Der einsetzende Jubel ist weit über den See zu hören, der Erfolg ist da, die gute Stimmung kommt endlich wieder. Das Team hat das Ziel von heute erreicht.

Aber vor dem Feiern und Sekt, spendiert von Marcus Lorenc, Inhaber des Lorenc Tauchzentrum in Unterburgau am Attersee, Ausgangspunkt der Rekordversuche, steht noch die Dopingkontrolle. Doch die Abgabe der Probe bereitet scheinbar mehr Probleme, als auf 120 Meter Tiefe zu tauchen. Irgendwann ist aber alle Bürokratie erledigt, die Gruppenaufnahme gemacht, das letzte Interview gegeben. Endlich klingen die Gläser und strahlend beleuchtet die Sonne die ganze Szenerie. Wo war sie eigentlich zur Mittagszeit?

Dr. Norbert Zwicker, kann sich ein Apnoe – Athlet dopen?

UWW: Dr. Zwicker, gibt es Stoffe, die die Leistungen von Apnoesportlern steigern können?

Dr. Zwicker: Mir sind keine solchen Stoffe bekannt. Zudem gibt es keinerlei Erkenntnisse, wie unter Überdruck einzelne Stoffe reagieren, ob sie verbotenerweise leistungssteigernd wirken oder sogar die Leistungsfähigkeit herabsetzen. Das so genannte „Epo“, das unter Umständen als einziges Präparat im Apnoesport Wirkung zeigen könnte, ist von einigen Nebenwirkungen begleitet, die wiederum mit zusätzlich einzunehmenden Produkten neutralisiert oder gesteuert werden müssten. Der Sportler hätte kaum Vorteile, würde aber schnell des Dopings überführt.

UWW: Welches sind die verbotenen Stoffe oder Präparate?

Dr. Norbert Zwicker: Lassen Sie es mich anders beantworten, es gibt eine Liste aller unbedenklicher Stoffe und Präparate, die der Sportler einnehmen darf. Diese Broschüre muss er sich kommen lassen und kann im Bedarfsfall nur ein dort gelistetes Produkt einsetzen.

UWW: Nehmen wir an, ein Apnoesportler benutzt Nasentropfen, um den Druckausgleich reibungslos herstellen zu können. Ist das Doping?

Dr. Norbert Zwicker: Sind dies Nasentropfen, deren Inhaltsstoffe zu den fast 400 in einer Urinprobe ausgetesteten Substanzen gehört, hat man sich nach dem Verständnis der Kontrolle unerlaubter leistungssteigernder Mittel bedient. Selbst wenn man vielleicht den Nachweis führen könnte, dass es keine Relevanz für den Apnoesport hat, das Mittel ist verboten. Deshalb müssen sich Sportler aller Disziplinen an die Vorgaben halten. Aber es gibt unbedenkliche Mittel, die sicherlich die gleiche gewünschteWirkung zeigen.

UWW: Wie darf man sich den Ablauf einer Dopingkontrolle vorstellen?

Dr. Norbert Zwicker: Nach dem Wettkampf wird unter Aufsicht eine Urinprobe vom Sportler abgegeben. Diese wird auf zwei spezielle Behälter verteilt und als A bzw. B Probe bezeichnet. Jede Probendose wird dann in einen Transportbehälter eingeführt, in dem ein spezielles Fliesplättchen eventuell auslaufendes Probenmaterial restlos aufsaugen würde. So kommt in jedem Fall alles Probenmaterial im untersuchenden Labor an. Der Athlet ist beim gesamten Vorgang anwesend, kontrolliert die Probenkennzeichnung an den Dosen und im Protokoll und verschließt die Transportbehälter schließlich selbst mit einem speziellen Deckel, der beim Öffnen zerstört wird. Gekühlt werden die Proben dann ans Labor geschickt und nach ein paar Tagen liegen die Ergebnisse vor. Das alles sind standardisierte Vorgänge, die in allen Sportbereichen so gehandhabt werden.