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Klare Entscheidung? 105 Meter Weltrekordversuch von Benjamin Franz nicht bestätigt.

Von Michael Goldschmidt Text & Bild, UW-Aufnahmen C: Manfred Führmann (7.2001)

Benjamin Franz greift zwei Mal mit der linken Hand neben das Seil

Samba oder Nicht? Lost of motion control oder nicht?

Benjamin Franz lehnt sich im Wasser zurück

Nach wochenlangen Vorbereitungen auf Elba und am Attersee in Oberösterreich war von Benjamin Franz das Wochenende 30. Juni / 1. Juli 2001 für ein einmaliges Apnoe – Rekordevent festgelegt worden. Zwei Rekordversuche im Süßwasser, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, hat es so noch nie gegeben. Angestrebt war zunächst die Tiefe von 105 Metern in der Apnoe – Königsdisziplin „variables Gewicht“ (Abstieg mit Schlitten – Aufstieg nur aus eigener Kraft). Im Training war das Ziel bereits reibungslos erreicht worden, doch obwohl der offizielle Versuch allem Anschein nach gelang, lehnten die AIDA – Schiedsrichter, die hautnah am Geschehen teilnahmen, schließlich nach Ansicht einer Videoaufnahme des aufgetauchten Athleten die Bestätigung ab.

Unheimlich sei es im fast, so sagte uns Benjamin Franz am Vortag des ersten Rekordversuchs, die gesamte Vorbereitungsphase, die sich über einige Monate hinzog, sei diesmal erstaunlich reibungslos verlaufen. Keine „Fast – Katastrophen“, nur einmal war beim Training im Mittelmeer, der von einem Hebesack aus der Tiefe geholte Schlitten unter das Schlauchboot der Trainingsmannschaft geraten und hatte zwei Luftkammern beschädigt. Alle Tiefen wurden nach Zeitplan erreicht und inoffiziell sogar schon an Rekorden gekratzt, die noch von anderen Athleten gehalten werden. Selbst der Attersee zeigte sich diesmal von seiner besten Seite. Bemerkenswert auch, dass keine Probleme mit den Stirnhöhlen oder Ohrtuben, die durch das extrem kalte Wasser (auf 100 Meter Tiefe nur noch 2 ° C) und frischen Wind leicht entstehen können, eintraten. Rundum also alles im grünen Bereich. Da fallen die geringen Sichtweiten, bedingt durch eine kurz vorher einsetzende starke Algenblüte, kaum ins Gewicht.

Manfred Führmann, der Schlittenkonstrukteur und Videospezialist, hatte den Schlitten so weit modifiziert, dass er das maximal zulässige Gewicht von 35 kg nicht überschritt, er lag sogar leicht unter dem Limit. Neu war auch der hochpräzise Tiefenmesser mit großvolumiger Druckdose, diesmal mit einer im Bild der Schlittenkamera deutlich sichtbaren Leuchtdiodenanzeige. Neu war auch, dass Manfred Führmann mit dem Prototyp des Sealux – Videogehäuses für die VX 2000 von Sony bis auf eine Tiefe von 100 Meter hinabstieg – als Sicherungstaucher und Kameramann, versorgt mit einem Buddy Inspiration Kreislaufgerät. Doch der Zeitplan für den Einstieg der Sicherungstaucher, der auf die Minute genau geplant sein muss, war auf die Ansprüche des Tauchers mit dem Kreislaufgerät nicht optimal abgestimmt, wie sich am Tag des ersten Rekordversuchs herausstellte.

Strahlende Sonne, Windstille und eine glatte Wasseroberfläche erwartet das Team am Morgen des 30. Juni. Alle sind hochmotiviert und guter Laune. Zunächst muss das Seil vermessen werden, denn nur die so ermittelte Länge und das Aufsetzen des Schlittens am Ende des Abstiegs auf einem Stopper, wird von den Statuten als erreichte Tiefe anerkannt. Tiefenmesser können irren, korrekt vermessene Seile nicht. Da 50 kg als Grundgewicht am Seil hängen, die die Kunststofffasern natürlich dehnen, muss das Seil schließlich auf entsprechenden Zug gebracht werden. Erst jetzt können vom Schiedsrichter der AIDA – Österreich, Dieter Baumann, die offiziellen Längenmarken am Seil angebracht werden. Benjamin Franz montiert persönlich den Stopper und kontrolliert die korrekte Seilführung des Schlittens. Dies mag er nicht anderen überlassen, darum kümmert er sich stets selbst.

Neben dem Boot mit dem Schlittenausleger, den zwei Booten der Sicherungstaucher, dem Rettungsboot der DLRG Blaibach und dem vom Tauchzentrum Lorenc zur Verfügung gestellten Presseboot, machen sich um 11:30 Uhr noch einige gut besetzte Boote interessierter Zaungäste auf den nur 247 Meter weiten Weg zum Tauchplatz vor Burgau. Mit dabei diesmal Benjamins 10 Monate junger Sohn Noah, betreut von der zumindest äußerlich ruhigen Mutter Birgit. Auch an Land ist die Rettungskette durch Kräfte des österreichischen Roten Kreuz vorbereitet, ein weiterer Notarzt ist vor Ort und die Druckkammer der Feuerwehr in München ist informiert. Traunstein wäre näher, aber die von den deutschen Krankenkassen durch Einsparungsprogramme initiierte Rücknahme flächendeckender Einsatzbereitschaft von Druckkammern ist auch in diesem Fall zu spüren.

Routiniert läuft alles ab. Jeder in Benjamins Team, das von vielen Mitgliedern des Plattlinger Tauchclubs gebildet wird, weiß, was zu tun ist. Manfred Führmann hatte für den Abstieg zu seiner Position in 100 Meter Tiefe 10 Minuten eingeplant. Exakt nach dieser Vorgabe war das Abtauchen der weiteren Sicherungstaucher für die Tiefen von 60, 40 und 20 Metern eingeplant. Auf die Sekunde nach 10 Minuten würde Benjamin Franz abtauchen. Dieser minutiöse Ablauf minimiert die Grundzeiten und entsprechend notwendigen Austauchzeiten, die im Falle des Mischgastauchers immerhin 60 Minuten beträgt. „Neun Minuten“, hallt es vom Zeitnehmer Peter Ecker über den See, „8 Minuten“. Plötzlich Unruhe im Team, man hört Benjamins Ruf: “Abbruch!“ Was ist passiert?

Manfred Führmann ist zurück an der Oberfläche. Es war nicht einkalkuliert worden, dass die optimale Tarierung eines Tauchers mit Kreislaufgerät erst ab etwa 5 Meter Wassertiefe möglich ist. Dazu hätte er zunächst abtauchen und dann einem Begleittaucher mit normaler Ausrüstung signalisieren müssen, dass er seinen Abstieg beginnt. Dieser hätte die Information an das Team an der Oberfläche zu übermitteln, damit der Countdown beginnen kann. Also alles zurück auf Anfang. Benjamin Franz ist nun schon länger als geplant im Wasser, langsam wird es kühl im Anzug. Bewusst hatte er deshalb auf einen früher üblichen kurzen Probetauchgang verzichtet. Auch die Atemvorbereitung ist schon über dem Sollwert, 10 Sekunden vor Ende der Vorlaufzeit wird die Aufhängung des Schlittens gelöst und er gleitet in die Tiefe.

Drei Minuten und fünf Sekunden hatte sein letzter Trainingstauchgang auf 105 Meter Tiefe gedauert.

„Eine Minute“, ertönt die Ansage. Das Presseboot treibt immer weiter hinter die Schlauchboote des Rekordversuchsteam. Die Auftauchstelle gerät aus dem Blickfeld. Doch die beiden Schiedsrichter von AIDA – Österreich, Dieter Baumann und Christian Redl, sowie der Taucherarzt Dr. Urs Braumandl sind hautnah am Geschehen. Zusätzlich läuft eine versiegelteVideokamera zur Dokumentation der Situation nach dem Auftauchen. „Zwei Minuten“, mittlerweile muss Benjamin auf dem kräftezehrenden Aufstieg sein. Er zieht sich am Seil nach oben, die Flossen kommen dabei kaum zum Einsatz. Der geringe Sauerstoffspiegel in den Muskeln lässt die Arme brennend schmerzen, es ist kein Spaziergang zurück an die Oberfläche. „Drei Minuten“, Alexander Franz ist bereits abgetaucht, um seinen Bruder ab 15 Meter Tiefe nach oben zu begleiten. Aber die Zeit läuft noch. Auf dem Presseboot ist man auf akustische Informationen angewiesen, sehen kann man von dessen Position aus nichts. Ein Jubelschrei bei 3:20 Minuten, Benjamin ist zurück, ansprechbar, hält sich am Seil fest und es werden subjektiv keine Unregelmäßigkeiten festgestellt. Dieter Baumann ist nahezu über ihm, kaum mehr als ein Meter trennt das Gesicht des Schiedsrichters von Benjamins Kopf. Einige Zeit vergeht, Benjamin ist überglücklich, bekommt die Tafel mit der Aufschrift – 105 zugeworfen. Dann erst meldet sich Dieter Baumann zu Wort: „ Benni, der Ordnung halber sage ich dir, wir checken erst das Video.“ Benjamin Franz antwortet: „Ja, klar.“ Dieser Hinweis wird von Benjamin Franz aber auf die Auswertung der Schlittenkamera verstanden und der Jubel bricht los.

Endlich ist das Presseboot wieder am Geschehen, Sponsor Stefan Wiessmeyer, der heute seinen 35. Geburtstag feiert, köpft gelungen eine Flasche französischen Schaumweins. Eine Champagnerdusche überzieht das glückliche Team. Jetzt müssen nur noch alle Sicherungstaucher wieder unbeschadet an Bord sein und der Schlitten eingeholt werden. Die unglaubliche Leistung eines Tauchgangs von 105 Metern mit Aufstieg ohne Hilfsmittel scheint vollbracht.

Zwei Stunden später spricht es sich langsam herum. Der Versuch wäre von den Schiedsrichtern als ungültig erklärt worden. Nachdem das Schlittenvideo ausgewertet worden war, die zusätzlichen Tiefenmesser kontrolliert und alle Ergebnisse einwandfrei waren, sah man sich das Video an, das den Moment des Auftauchens dokumentiert. Es zeigt, dass Benjamin nach dem ersten Freudenschrei kurz den Kopf zurücklegt und mit der linken Hand zweimal nach dem Seil langt ohne es zu fassen, mit der rechten Hand hält er sich eigener Kraft daran fest. Die Schiedsrichter entscheiden auf ein „lost of motion control“. Drei leichte Zuckungen sollen zudem auf ein „Samba“ hinweisen. Die anwesenden Ärzte sehen dies differenziert, doch die Entscheidung liegt bei den Verantwortlichen der AIDA. Die Enttäuschung ist groß und lastet auf allen im Team vor dem Rekordversuch des kommenden Tages.

Es ist Nacht geworden. Gewittergrollen hallt im Echo von den Bergwänden. Man meint, es zürnt auch die Natur gegen den Ablauf des vergangenen Tages. Hoffen wir, dass das Wetter sich wieder stabilisiert und den „Non Limit“ – Tauchgang auf 120 Meter nicht unnötig erschwert.

Einspruch, Herr Franz?

UWW: Wie geht es nun weiter im Fall des nicht anerkannten Weltrekord 105 Meter VARIABLES GEWICHT / Süßwasser?

Benjamin Franz: Ich werde Einspruch gegen die Entscheidung einlegen. Ich bin daran interessiert, wie der Präsident der AIDA, Sebastian Nagel, die Sache beurteilt.

UWW: Welche Gefühle herrschen 2 Tage nach dem nicht anerkannten Rekordversuch?

Benjamin Franz: Ich bin natürlich sehr enttäuscht. Ich habe zweimal, einmal im Training und beim Rekordversuch selbst, die neue Weltrekordmarke erreicht. Die Vorbereitungen dafür waren sehr langwierig. Jetzt soll diese sicherlich bedeutende Leistung nicht anerkannt werden.

UWW: Welche Meinung bildete sich nach Ansicht der offiziellen Videoaufzeichnung, zusammen mit Dieter Baumann, dem verantwortlichen AIDA Schiedsrichter, nun heraus?

Benjamin Franz: Wir haben die Aufzeichnung viele Male angesehen. Je öfter man die Szene vor Augen hat, entdeckt man Details, die man bei einmaliger Betrachtung nicht wahrgenommen hat. Es werden aber auch Dinge sichtbar, die für mich sprechen. Ich war nicht ohnmächtig, musste nicht gehalten werden, ich halte mich aus eigener Kraft am Seil fest. Man kann auch hören, dass ich die ganze Zeit atme. Keinesfalls kann von einem „lost of motion control“ gesprochen werden. Es musste niemand Hilfestellung geben. Wie es nun ausgehen wird, müssen wir abwarten

Dieter Baumann, war es eindeutig?

UWW: Ein Missverständnis betreffend die abzuwartende Videoauswertung ließ zunächst alle den Erfolg feiern. Führte erst die Auswertung der Videoaufnahme zur negativen Entscheidung?

Dieter Baumann: Nein, ich war ja unmittelbar am Geschehen dran und es fiel mir sofort auf, dass Benjamin Franz für ein paar Sekunden Ausfälle hatte. Daran muss sich ein Athlet aber gar nicht erinnern. Dass es dem Betroffenen selbst objektiv nicht auffällt ist ganz normal. Ich sagte ihm auch, dass ich erst entscheide, wenn ich die Videoaufzeichnung gesehen habe. Um ganz sicher zu gehen, werden schließlich die im Reglement geforderten Videos gemacht. Nach nochmaliger Ansicht der Situation auf dem Fernsehschirm, war die Entscheidung eindeutig.

UWW: Die Ärzte vor Ort, die auch Wettkampferfahrung mitbringen, beurteilten die Sache anders. Wer hat hier die größere Erfahrung?

Dieter Baumann: Schiedsrichter, die schon viele Wettkämpfe und Rekordversuche betreut haben, weisen sicherlich aus der Praxis mehr Erfahrung auf, den vom Reglement geforderten Zustand des Athleten nach dem Tauchgang zu beurteilen.

UWW: Einspruch, wie geht es nun weiter?

Dieter Baumann: Das Originalvideo wird sofort an Sebastian Nagel, Präsident von AIDA Internatinal, in die Schweiz geschickt. Dort werden die Aufnahmen in einem Kreis weiterer Offizieller ausgewertet. Ich rechne aber nicht mit einer Korrektur der getroffenen Entscheidung.   

Der Kommentar der Redaktion

Keine Videosequenz ist so häufig, in Zeitlupe und Normalgeschwindigkeit, mit oder ohne Ton, von uns angesehen worden. Wir schließen uns aber letztlich nicht der Meinung der Jury an. Die fragliche Passage ist unserer Einschätzung nach eher kein „lost of motion control“ Symptom. Es bleiben schließlich Zweifel. Last but not least, wie immer die Entscheidung der AIDA International nach dem Einspruch ausfallen wird, sie ist zu akzeptieren. “In dubio pro reo”, im Zweifel für den Angeklagten, sollte in diesem Fall jedoch in Betracht gezogen werden. Die Schiedsrichter haben unabhängig und unbeeinflusst geurteilt, stehen selbst in einer unglücklichen Position, eine deutliche Ohnmacht wäre von allen widerspruchslos akzeptiert worden. Ihre Situation vor Ort war keinesfalls beneidenswert. Und doch, moralisch ist Benjamin Franz der Sieger.

Meldung vom 23.7.2001: Der Rekordversuch wurde nach Auswertung des Videos und Rücksprache mit Sebastian Nagel wegen “Samba” nicht anerkannt.