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Benjamin Franz: Deutscher Rekord NO LIMIT 100 Meter

Stationen einer unglaublichen Geschichte von Michael Goldschmidt (11.1999)

Im Hafen von Hurghada

Benjamin Franz: Vorbereitung des Schlittens

Das Führungsseil des Schlittens wird ausgebracht

Schlittentest

Die Spezialkontaktlinsen werden eingesetzt

Benjamin Franz lässt die Linsen adaptieren

Rainer Holland - Contactlinsenspezialist aus Hamburg

Sven Olover Vogel - AIDA Schiedsrichter aus Deutschland

Fast 30 Taucher machten sich am 13.11.99 auf den Weg nach Hurghada, um Benjamin Franz bei seinem Versuch zu begleiten und zu unterstützen, einen neuen Deutschen Rekord in der Apnoe-Disziplin NO LIMITS (Abstieg mit Schlitten, Aufstieg mit Unterstützung eines Ballonsystems) zu erreichen. Mit dieser Absicht würde sich Benjamin Franz in die kleine und hervorgehobene Reihe der international bekannten NO LIMIT Taucher einreihen, die in 100 Meter und mehr Tauchtiefe vorstoßen. Schafft er es in der unglaublich kurzen Vorbereitungszeit von nur 4 Wochen, dann hätte er Jaques Majol, der drei Monate Vorbereitungszeit benötigte um die Tiefe von 93 Metern als erster Apnoetaucher überhaupt zu erreichen, weit übertrumpft. Angespornt durch die Aktivitäten seines Konkurrenten Heimo Hanke, setzte er sich dieses grosse Ziel. Mit dabei war UnterWasserWelt und das Produktionsteam von Dolphin TV (für Stern-TV in RTL).
 
Die BALENA*, unter dem eigenwilligen Kapitän Klaus Dieterich, liegt nach 5 Tagen Fahrt für Training und Rekordversuch fast bewegungslos wieder im ruhigen Wasser vor Hurghada. Die Sonne ist bereits versunken, Der sanfte Wind trägt von nahe ankernden Safaribooten Musikfetzen herüber, Querflöten sind zu hören, Musik der Anden von CD, dazwischen röhren schwach die Triebwerke eines startenden Düsenjets durch den trägen Abend, Rufe in arabischer Sprache sind zu hören. Es ist wieder still geworden auf dem Tauchschiff. Die Mitglieder der Mannschaft treffen sich mit ihren Familien, das Team von Benjamin verbringt den letzten Abend in Hurghada in einem Restaurant. Idealer Zeitpunkt die Geschichte dieser Woche festzuhalten.

Wir kommen pünktlich am Samstag Mittag in Hurghada an. Schlitten und Seil sind in zwei Transportkisten verstaut, die dieses ausgefallenen Gepäck auf durchaus handliche Maße schrumpfen lassen. Fast ebenbürtig ist das Equipment der Fotografin Heike Sartorio. Die Fotografin soll neue Aufnahmen mit Benjamin Franz im Schlitten und freitauchend in der Umgebung der Riffe machen. Endlose „Bakschisch-Orgien“ begleiten den Transport und die Verladung des Gepäcks auf den vor dem Flughafen wartenden Kleinbus. Der Zeitplan scheint eingehalten zu werden, war doch angekündigt, dass die BALENA sofort ablegt, sind alle Gäste an Bord. Doch diese Zusicherung ist relativ, denn die Hälfte der Gruppe wird nicht unverzüglich mit dem Schlauchboot an Bord gebracht, sondern muss über 4 Stunden, bis nach Sonnenuntergang, in einem Cafe in Hurghada auf den Transfer warten. „Wegen der Behörden“, heißt es, sei diese Maßnahme notwendig. Auch hat man noch nicht neue Lebensmittel gebunkert und der Tank ist nicht ausreichend gefüllt. Die Stunden verstreichen, das Schiff liegt vor Anker, der Trainingsplan bekommt schon am ersten Tag einen deutlichen Knick.

Sonntag, heute muss die Reise zu genügend tiefen Trainingsgebieten mit Ankermöglichkeiten beginnen, spätestens mit Sonnenaufgang. Doch die BALENA liegt weiterhin im vom steifen und kühlen Nordwind bewegten Wasser vor Hurghada. Es muss noch Treibstoff gebunkert werden, doch das geht erst ab Mittag. Die Zeit verstreicht und das Trainingsprogramm von Benjamin Franz kommt heillos ins Hintertreffen. So war nicht geplant worden. Erst gegen 14::00 kommt endlich Fahrt ins Schiff, in Richtung Umm Gamar geht nun die Reise. Der Schlitten ist montiert und das Seil über die Motorwinde und den Ladebaum geführt. Doch der Sonnenuntergang um 17:00 lässt sich nicht verschieben. Gegen 15:30 gehen die ersten Tauchgruppen der mitreisenden Urlaubstaucher aus Plattling und Cham ins Wasser, zu spät, um den Schlitten erstmals in Position zu bringen. Ein weiterer Tag ist verloren. Das zerrt an den Nerven, denn Benjamin hat nur wenige Tage Zeit, sein Ziel zu erreichen, das vom anwesenden AIDA-Deutschland - Schiedsrichter Jens-Oliver Vogel im Erfolgsfall sofort bestätigt werden könnte.

Montag. Die BALENA liegt noch vor Umm Gamar. Ein kalter Nordwind mit etwa 5 Windstärken schiebt das Wasser des Roten Meeres vor sich her, es bilden sich Schaumkronen auf den etwa einen Meter hohen Wellen. Das technische Team bringt erstmals den Schlitten zu Wasser, eine Aktion, die sich erst einspielen muss und vom stark bewegten Wasser nicht gerade unterstützt wird. Die Zeit verstreicht, bis die Seilführung sauber ausgerichtet und das aus einem Bündel Eisenketten und einem Eisenrad bestehende Grundgewicht von etwa 50 kg ausgebracht ist. Trotz rauer Bedingungen an der Wasseroberfläche, sieht es in der Tiefe wesentlich besser aus. Die Wassertemperatur liegt bei 26 Grad C, die Sichtweite misst mindestens 40 Meter und es herrscht keine Strömung.

Erst als alle Vorbereitungen an der Schlittentechnik fast abgeschlossen sind, wendet sich Benjamin Franz von diesen Arbeiten ab. Es müssen noch Lockerungsübungen gemacht werden, die die mitreisende Physiotherapeutin Melanie Handlos überwacht.

Ein Novum beim Training zum Rekordversuch sind die von Rainer Holland gerechneten weichen Contactlinsen, Brechkraft 235 Dioptrie (!), mit denen Benjamin unter Wasser scharf sehen kann. Bei Abstiegen in solch enorme Tiefen ist der Druckausgleich in einer Maske fast unmöglich, denn es wird jeder Kubikzentimeter Luft für den Druckausgleich in den Ohren benötigt. Mit den optischen Meisterwerken des Hamburger Contactlinsenspezialisten Holland, die von einer hochspezialisierten Firma auf Sizilien hergestellt werden, kann Benjamin beim Tauchgang den Computer ablesen und sieht auch die bis etwa 70 Meter Tiefe stationierten Sicherungstaucher. Ein unschätzbarer Vorteil bei eventuellen Notfällen ergibt sich daraus - neben dem völlig neuen Gefühl ohne Maske unter Wasser sehen zu können. Benjamins Begeisterung beim Test eines ersten Linsenpaares in einem Hamburger Hallenbad beschreibt Rainer Holland als ein überwältigendes Erlebnis,das auch für ihn einen alten Traum in Erfüllung gehen lässt. Auf die Kosten für ein solches Linsenpaar angesprochen winkt Holland ab, das wäre nicht zu bezahlen, meint er, diese Entwicklung könne man nur machen, wenn man persönlich in der Sache engagiert ist. Aber er könne sich vorstellen, dass unter anderem auch Unterwassermodels zukünftig solche Linsen tragen, da der Gesichtsausdruck sicherlich wesentlich davon profitieren würde, wird ohne Maske getaucht.

Das Einsetzen der Linsen wird zum Ritual der kommenden Tage. Rainer Holland setzt Benjamin die Linsen ein und kontrolliert den perfekt zentrierten Sitz. Dann muss Benjamin eine dunkel getönte Schwimmbrille aufsetzen, die Holland mit Hilfe einer Einwegspritze mit reinem Süßwasser auffüllt. In etwa 20 Minuten "quellen" die Linsen und saugen sich unverrückbar auf dem Auge fest. In Salzwasser haften sie dann für weitere rund 20 Minuten - im aktuellen Entwicklungsstadium.

Filmer und Fotografen sind bereits im Wasser, die Schlittenkamera ist montiert, Benjamin hat zwei Apnoe-Abstiege auf etwa 20 Meter mit Flossenkraft zum "Aufwärmen" hinter sich. Kurz vor dem Abstieg mit dem Schlitten gehen die Sicherungstaucher auf Tiefe, die in 30, 50 und 70 Metern Benjamins rasanten Abstieg beobachten. Da löst sich der Schlitten, die Fahrt mit rund 1,4 Metern pro Sekunde beginnt und ist nach etwa 20 Metern schon beendet. Der Hebeballon, der von einer Pressluftflasche gefüllt Benjamin aus der Tiefe nach oben ziehen soll, war nicht optimal verstaut und hat sich entfaltet.

Ruhig und konzentriert arbeitet das Team, um den Hebesack sicher zu verstauen und den Schlitten auf die Ausgangsposition zu bringen. Eines hat Benjamin, der beim Training im Attersee bereits 80 Meter erreichte, jetzt schon feststellen können: Trotz Linsen muss er die Augen geschlossen halten, da das rasch am Auge vorbeiströmende Wasser sehr schmerzhaft ist.

Nach einer halben Stunde ist die Ausgangsposition wieder hergestellt, im Wasser warten die Medienvertreter und Sicherungstaucher auf das Vorbeigleiten des Schlittens. Das silberne Gefährt rauscht an den Beobachtern vorbei und verschwindet in einem Vorhang aus Blasen in der graublauen Tiefe. Dann zeichnet sich hell der Hebeballon aus dem monochromen Blau ab, der Benjamin noch oben bringt. Durch den raschen Druckabbau, der die Organe in Benjamins Körper wieder in ihre ursprüngliche Position und Größe bringt, kann kurzfristig eine reduzierte Blutversorgung im Kopfbereich auftreten. Um die Symptome eines Drehschwindels zu vermeiden, lässt Benjamin die Hebekonstruktion bei etwa 20 Metern Tiefe los um den Rest des Aufstiegs mit eigener Flossenkraft zurückzulegen. Nach all dem Stress, den sich Benjamin Franz nie anmerken lässt, kommt er nach einem Tauchgang von 86 Metern wieder an die Oberfläche. Der Bann ist gebrochen. Jetzt kann es richtig losgehen.

Am Abend stößt noch bekannte Fotojournalist Gerald Nowak zum Team, jetzt ist die Pressemannschaft komplett. Nicht nur, dass sich alte Bekannte wiedertreffen, auch die Fotografin Heike Sartorio profitiert von Geralds Ankunft. Ihre Nikonos RS hat sich auf Grund eines elektronischen Defekts verabschiedet. Eine von Sven-Oliver Vogel per Laptop und Handy abgesetzte eMail - Anfrage an René Aumann hilft auch nicht weiter, das gute Stück muss in die Werkstatt. Spontan bietet Gerald an, seinen RS-Body mit ihr zu teilen, eine nicht alltägliche Hilfsbereitschaft, die aber den Stil des gesamten Teams wiederspiegelt.

* Balena - Anmerkung der Red.: Ein Jahr später sank die Balena nach einem Brand in Hafennähe. Die neuen Eigner wollten das Schiff renovieren und auf neuen Kurs bringen...

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